Pressetexte

Nummer 270, 21. November 2006, Seite 22

Da singt das Publikum mit

Altonaer Theater mit Musical “Sister Soul” im Mindener Stadtheater
Von Andrea Gerecke

Josephine (love Newkirk) ist der Star in Sister Soul.
Foto: Theater

Minden (ag). Wenn es am vergangenen Sonnabend im Mindener Stadttheater nach dem Publikum gegangen wäre, dann hätten die Künstler vom Altonaer Theater durchaus noch weitere drei Stunden agieren können. Beifall, Jubel, stehende Ovationen, anfeuernde Pfiffe, eingeforderte Zugaben („Sweet, sweet Minden…“).

Ohnehin bekamen auch die Zuschauer bei „Sister Soul“ reichlich zu tun, sobald es sie – mehr oder weniger von der Bühne aus angefeuert - von den Stühlen riss. Wechselnder Chorgesang aus dem Saal und von den Rängen. Dabei gymnastische Übungen mit beiden ausgestreckten und wedelnden Händen in der Höhe. Ein wenig erinnerte das schon an eine perfekt einstudierte Fernsehshow. Die Mindener jedenfalls zeigten ihre Begeisterungsfähigkeit und qualifizierten sich zur Vorgruppe für die nächste Aufführung!
Diesmal hatte die Hamburger Bühne ihr Gospel- und Soul-Musical „Sister Soul“ mitgebracht. Premiere dafür war am 7. August 2005. Mit einem klug ausgewählten Programm von Klassikern, Komödien, Filmadaptionen, modernen Zeitstücken und eben Musicals für ein aufgeschlossenes Publikum quer durch alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten liegt das geschichtsträchtige Haus auf Erfolgskurs und geht auch auf Tourneen. Reisende Gaukler und Schauspieler bildeten einst den Anfang in Altona. Das älteste überlieferte Dokument ist ein Theaterzettel aus dem Jahre 1684. Aber es dauerte dann doch bis 1783, ehe ein „zur Muße der Bürger“ eröffnetes Schauspielhaus an der Palmaille seinen Betrieb aufnehmen konnte.
Die Geschichte der singenden Schwestern ist schnell erzählt und sicherlich den meisten bekannt: Josephine (Love Newkirk), die schwarze Nachtclubsängerin, kommt im Hamburger Kiez dem korrupt-bösen Kommissar Staller (Holger Löwenberg) in die Quere, wird Zeugin eines Mordes und muss untertauchen. Dabei lässt sie „versehentlich“ die Koksbeute mitgehen. Im christlichen Zions-Krankenhaus findet sie ihre frühere Freundin Ische (jetzt Schwester Franziska/Eveline Suter), Unterschlupf und eine dankbare Aufgabe als Chorleiterin. Aber der Polizist ist ihr auf der Spur.
Der Abend lebt von den wunderbaren Musikstücken – einstudiert und geleitet von Mathias Christian Kosel, der insgesamt für das Musical verantwortlich zeichnet. Köstlich am Piano als Schwester Felicitas, die bei den zunächst noch sehr langweiligen Proben ihr Kreuzworträtsel-Heftchen über den Noten liegen hat. Die Handlung tritt eher in den Hintergrund. Sie bleibt in der Erinnerung haften durch die witzig-ironischen oft mehrdeutigen und derben Sprüche. Josephines recht unchristliches Motto, als sie bei den Schwestern ankommt, lautet: „Ordentlich auf die Kacke hauen!“ Und die Oberschwester Ursula (Gisela Kraft) meint bei der Vorstellung von Josephine Becker grübelnd: „Also, irgendwie kommt mir der Name bekannt vor.“ Damit hat sie natürlich die Lacher der Zuschauer auf ihrer Seite, zumal eine gewisse Ähnlichkeit mit einer analog klingenden ebenfalls dunkelhäutigen Künstlerin nicht von der Hand zu weisen ist. „DVD“, erläutert später eine Schwester den anderen, „ist wie Theater, nur flacher.“ Kommissar Staller indes sucht weiter nach seiner Freundin und vor allem nach der Beute: „Kann doch nicht so schwer sein, unter lauter Sahnetorten `ne Rumkugel zu finden!“
Dem Krankenhaus geht es finanziell miserabel, eigentlich soll ein neues Gesundheitszentrum an dessen Stelle entstehen, das Mutterhaus wird dafür aufgelöst und die Schwestern werden dann in Nowosibirsk eingesetzt. „Und was wird aus meinen Begonien?“, ist die erste, größte Sorge von Schwester Eugenia (Katharina Blaschke). Aber die Damen lassen sich etwas einfallen, öffentlicher Protest und Gottesdienste mit hinreißendem Gospel-Gesang, bei denen Spenden eingesammelt werden. So dürfen sie weiter in Deutschland bleiben und werden künftig in das geplante Zentrum integriert. Der korrupte Polizist findet zwar Josephine, wird aber von der Gruppe überwältigt. Die Nachtclubsängerin führt es wieder an den früheren Ort ihres Wirkens, aber auch die Schwestern schauen auf ein paar letzte Lieder vorbei. Happy end! 
Eine durchaus sehens- und vor allem hörenswerte Ensembleleistung. Regie führte Franz-Lorenz Engel, die lebhafte Choreographie übernahm Mecki Fiedler. Birgitt Voss hatte mit einfachen Mitteln ein stimmungsvolles Bühnenbild gezaubert – mit einer klapp- und drehbaren Wand als Zentrum und drei Kirchenfenstern im Hintergrund. Die Kostüme von Claudia Kuhr zeichneten die Figuren sehr plastisch. Besonders hinreißend der Auftritt von Josephine in ihrem türkisfarbenen engen Kleid, tief dekolletiert und hoch geschlitzt. Dazu eine rote Federboa und eine blonde Perücke. Natürlich war die Darstellerin Love Newkirk der Star des Abends, so wie die Rolle auch angelegt ist. Die Künstlerin mit außerordentlich charismatischer Ausstrahlung stammt aus Harrisburg, Pennsylvania, USA. Ihre musikalischen Wurzeln liegen unverkennbar in den Gospelkirchen, auf den Musicalbühnen und in den Jazzclubs Amerikas. Nach Europa brachte sie die Hauptrolle in „Bubblin`Brown Shugar“. Bekannt wurde die Künstlerin unter anderem durch ein Video mit Joe Cocker „I can see the river“. Love Newkirk gab der Josephine Becker Leben – für einen Abend lang war sie diese schillernde Persönlichkeit. Hinter Pfarrer Benedikt Bruhns und einem lümmelnden Rocker steckte Edgar Bessen. Als sympathisches  Bodenpersonal Gottes steppte der Geistliche über die Bühne. Viele werden ihn in einem begeisterten Atemzug mit dem „Ohnsorg Theater“ nennen, zusammen mit Heidi Kabel oder Henry Vahl. Aber auch die anderen Schauspieler gingen in ihren Rollen auf, verwandelten sich von grauen, altjüngferlichen Mäusen in stimmgewaltige Aktricen: Schwester Walburga/Angelika Wedekind, Margaretha/Annett Daus, Laurentia/Henrika Fabian, Ignatia/Birte Homboe, Caritas/Martina Flatau, Oda/Alexandra Pietsch. Ganz überzeugend gemeinsam in den mittreißenden Songs „Joshua fit the battle of Jericho“, „We are family“, „Oh happy day“ und all den anderen „Liedern der Hoffnung“, wie Mahalia Jackson Gospelsongs einst beschrieb.